Mein Mann und ich unterstützen seit einiger Zeit eine junge afrikanische Mutter mit drei kleinen Kindern. Wir haben sehr viel Kraft und Zeit in die Renovierung ihrer Wohnung gesteckt: Kinderzimmer gestrichen, Reparaturen, Leuchten angeschlossen, kompliziertes Kinderbett aufgebaut, Einkaufsfahrten…
(Bild von Ralf mit dem Kleinen)
Einmal hat sie uns fast verschämt einen kleinen Zettel zugesteckt. Wir waren sehr berührt, da wir wissen, wie schwer ihr unsere deutsche Sprache fällt und wie viel Mühe es sie gekostet hat, auch noch in Deutsch zu schreiben.
(Bild von Zettel)
Doch erwarte ich Dankbarkeit für das, was ich für die Menschen leiste?
Als wir das erste Mal zu dieser jungen Mutter gefahren sind, um sie kennenzulernen und einen Überblick zu bekommen, was alles ansteht, hatten wir nicht viel Zeit. Eingeplant waren so um die 10 Minuten…wir mussten schließlich noch einkaufen, Blumen bei einer Freundin gießen, Dinge für meine Mutter besorgen, Telefonate, mit dem Hund gehen…alles war streng getaktet. Sie fragte, ob wir einen Kaffee trinken wollten. Wir dachten, geht ja schnell, ein Knopfdruck, kurz hinsetzen und dann weiter bei unseren Alltagsterminen.
Sie holte einen kleinen Teppich, breitete ihn auf der Erde aus und holte ganz viele unterschiedliche Dinge. Einen kleinen Campingkocher, verschiedene Döschen, eine Wasserkanne, eine kleine Pfanne, eine kleine Kaffeekanne, zündete Weihrauch an und begann mit der Zeremonie, die wir vorher noch nie so erlebt hatten. Als erstes wurden die hellen Kaffeebohnen in dem kleinen Pfännchen über dem Feurer geröstet, sogar ich, die keinen Kaffee trinkt, war von dem Duft überwältigt. Die Bohnen mussten noch einige Zeit abkühlen, dann wurde der Kaffee über der Flamme gekocht, auch der musste noch eine Weile ziehen.
(Bild Kaffeezeremonie)
Mein Mann und ich guckten uns nur an und hatten beide das Gefühl, das ist unsere Bonus Zeit. Wir schauen zu und genießen. Als über 30 Minuten vergangen waren, war dann der Kaffee fertig zum Servieren…sie hatte auch noch einige kleine Snacks dazu gestellt. Insgesamt waren wir über eine Stunde bei ihr und waren fasziniert und konnten die Ruhe und Langsamkeit mit in den Alltag nehmen.
Das war meine geschenkte Zeit. Und ich bin sehr dankbar, diese geschenkte Zeit – die an dem Tag gar nicht vorgesehen war – erleben zu dürfen.
Wenn ich mich jetzt die vielen Stufen bis in den 4. Stock zu ihrer Wohnung hochquäle und mich oben die Kinder empfangen, mir um die Beine fallen, mich an der Hand in die Wohnung zerren und sagen: “Jetzt bleibst du aber gaaanz lange“, dann denke: Ja klar, ist ja meine geschenkte Zeit. Und dafür bin ich dankbar.






