„Früher war alles besser“ – oder: Die gute alte Zeit

Im Rahmen meiner Tätigkeit beim SKFM bin ich oft in Gesprächen mit älteren Menschen – sei es bei Hausbesuchen oder regelmäßigen Kontakten in Seniorenheimen.

Immer wieder höre ich Aussagen wie „Früher war alles besser“ oder „Was ist das doch für eine schlimme Zeit geworden“.

Eine 96-jährige Frau erzählte von ihrer schönen Kindheit, ihr hätte es an nichts gefehlt und das gemeinsame Familienleben hätte positiver nicht sein können. Nun hat sie ihre Kinder – und Jugendzeit in Köln verbracht, sie war zu Beginn des Krieges 10 Jahre alt und 16, als er endete. Sie lebte mit 11 Geschwistern in einem kleinen Reihenhaus mitten in einem Arbeiterviertel. Die 7 Mädchen sind zwar zur Schule gegangen, aber keine von ihnen hat einen Beruf erlernen können und darin gearbeitet. Die 5 Brüder dagegen haben alle eine Berufsausbildung durchlaufen. Ihre Eltern sind sehr früh verstorben – mit den heutigen medizinischen Möglichkeiten hätten sie vielleicht länger leben können.

Und doch ist sie voller Überzeugung, dass früher alles besser war. Wie kann das sein?

Diese Gedanken und Empfindungen sind allerdings kein Produkt der Neuzeit. Schon bei den Römern liest man „memoria praeteritorum bonorum“, was die Erinnerung an das Gute bedeutet.  Im Buch der Prediger wird gewarnt, die Vergangenheit zu verklären „Sprich nicht: Wie kommt es, dass die früheren Tage besser waren, als die jetzigen? Denn nicht aus Weisheit fragst du so“ (Prediger, 7.10). Bei Isaias ist zu lesen: „Gedenkt nicht mehr des Früheren, und die Vergangenheit kümmere euch nicht“ (Jesaja 43,18).

In der Psychologie spricht man von einem „rosigen Rückblick“. Es beschreibt das Phänomen, sich an vergangene Ereignisse oder Epochen positiver zu erinnern, als sie tatsächlich waren. Negative Erinnerungen verblassen oder werden verdrängt, während schöne Momente stark idealisiert werden. Wahrscheinlich ist es auch besser so, als wenn es umgekehrt wäre und wir unter „schlechten“ Erinnerungen leiden würden. Es ist sicherlich auch so, dass dieser Selbstschutz das Selbstwertgefühl und das Wohlbefinden steigert. Auch wenn ich „objektiv“ gesehen denke, wie kann eine Kindheit im Krieg und auf beengtem Raum mit 12 Geschwistern überhaupt „besser“ gewesen sein?

Wir sehen die Welt und die Vergangenheit nur durch unsere eigenen Sinne und Filter. Jeder hat seine eigene persönliche Wahrnehmung.

Persönlich habe ich solche Gedanken nicht, dass die Welt früher besser war, als die meiner Enkel, die im Teenageralter sind. Ich bin in den 60/70-ger Jahren zur Schule gegangen und hatte die Möglichkeit, das Abitur zu machen, was dieser älteren Frau 30 Jahre vor mir verwehrt worden ist. Dabei sollte ich ja laut Studien als katholisches Arbeitermädchen aus einem Vorort von Köln eigentlich auch aufgrund meiner sozialen Herkunft und des Geschlechtes benachteiligt gewesen sein. War meine Kindheit deshalb sogar besser als die von der älteren Frau? Ich hatte zumindest eine Chance.

Wo befindet sich das „Früher“, wo alles besser war? Wie weit muss ich in der Geschichte zurückgehen, um es zu finden?

Aus dem Buch der Prediger (Kohelet, 3,1-8) interpretiere ich, dass jede Epoche und jeder Lebensabschnitt spezielle Herausforderungen und Prüfungen mit sich bringt.

So sehe ich es. Zeiten waren weder „besser“ noch „schlechter“. Jeder Mensch hat unterschiedliche mentale Abbilder und Emotionen, es kommt darauf an, was er daraus machen kann und wie er es erlebt. Man kann es sich wie ein altes Fotoalbum vorstellen, auch dort hat man nur die „guten“ Bilder eingeklebt. Zeiten können nicht objektiv „schlechter“ oder „besser“ sein – einfach nur ANDERS.

Wer Interesse an Ehrenamt hat und auch ortsnah ältere Menschen oder Familien begleiten und unterstützen möchte, kann sich gerne bei mir melden.

Doris Hübben, SKFM Gruppe Marienheide

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner